KKü-Portrait Klaus Straßheim

Malen aus dem Ruhestand

 

Seit einem Vierteljahrhundert im Ruhestand – eine Zeitspanne, in der man meinen könnte, die inneren Bilder seien verblasst, der Drang zum Gestalten erschöpft. Doch in mir blieb etwas wach: eine eigene, unverwechselbare Bildvorstellung und ein Gestaltungswille, der sich nicht zum Schweigen bringen ließ. Lange lag er unter Schichten von Verantwortung verborgen – Familie, Beruf, soziales Engagement. Alles freiwillig, alles mit Hingabe. Aber eben auch alles vor der Malerei.

Vor rund zwanzig Jahren begann das Malen, mich wieder einzuholen. Nicht als Hobby, sondern als etwas, das mich als Person erfasste. Eine Synthese aus Planung und spontaner Gestaltungsfreude, wie ich sie aus meiner Zeit als Kunstausbilder für Lehramtsreferendare in Frankfurt am Main kannte – nur dass es nun keine Zeitraster, keine Zielvorgaben mehr gab. Stattdessen Freiheit. Ein abstraktes Konstrukt, poetisch und expressiv angereichert, durfte entstehen, ohne dass jemand vorgab, wohin es führen müsse.

Diese innere Bewegung traf auf einen äußeren Wandel. 2020 zogen meine Frau und ich in unseren Neubau in Kirchhain, nahe Am Sandfang. Wir verließen unser Haus in der Wetterau, um altersgerecht zu wohnen – und weil uns die Nähe zur Familie unseres Sohnes nach Mittelhessen zog. In Kirchhain fanden wir nicht nur ein neues Zuhause, sondern auch eine neue künstlerische Gemeinschaft. Der örtliche Künstlerkreis bot uns Anschluss, Austausch, Resonanz.

Gleichzeitig öffnete sich ein weiterer Raum: die Auseinandersetzung mit meinem eigenen künstlerischen Weg. Auf meiner Homepage (klaus-strassheim.de) wird dieser Weg sichtbar – geprägt von einem Leben, das 1940 im Vogelsberg begann, von der Hoffnung auf friedliche Zeiten, von der Kraft der Farbe, die innere Bilder ins Sichtbare drängt. Meine Arbeiten, oft abstrakt und farbintensiv, folgen keinem äußeren Auftrag, sondern einem inneren Drängen: Farbe, die überströmt, die nach außen will, die physisch wird.

 

So fügt sich alles zu einer Chronologie, die weniger geplant als gewachsen ist. Ein Leben, das lange anderen diente, findet zurück zur eigenen Bildsprache. Ein Ruhestand, der keiner ist, weil die Bilder weiterarbeiten. Und ein Ort, der nicht nur Wohnraum, sondern Resonanzraum geworden ist – für Farbe, Form und die ungebrochene Lust am Gestalten.

"Im Hochmoor"
"Im Hochmoor" 70 x 50 cm, Gouache auf Leinwand, Aquarellstifte, 2025

„Im Hochmoor“

 „O schaurig ist`s übers Moor zu gehn…“ so beginnt Annette von Droste – Hülshoff ihre Ballade „Der Knabe im Moor“ vor fast 200 Jahren. Einst lebensgefährlich, ist das Hochmoor heute ein geschütztes Refugium in den Mittelgebirgen – mit festen Stegen, ohne Torfabbau, dafür als uralter Speicher von Wasser, Gasen und Geschichten. Über Jahrtausende wuchs es aus Niederschlag und Ablagerungen, ein Ort voller Geheimnisse, an dem Flora und Fauna ungestört ihren eigenen Gesetzen folgen.

Ein Gemälde kann all das aufnehmen, ohne es abzubilden. In der Abstraktion entsteht kein naturgetreues Moor, sondern ein persönlicher Ausdruck: eine begrenzte Fläche, ein angedeuteter Weg, eine geheimnisvolle Farbspannung. Farben und Formen bleiben offen, mehrdeutig, bereit für individuelle Zugänge. Jeder Betrachtende findet vielleicht eine eigene Spur – oder auch nicht. „Richtig“ und „Falsch“ spielen keine Rolle. Entscheidend ist das Gefühl, welches das Bild auslöst.

Welche Zeichen mögen sich in einer Moorlandschaft verbergen? Wird eine blaugrüne Fläche zum Abgrund oder zur Einladung? Führt der Titel des Malers oder engt er ein? Die Vieldeutigkeit entsteht im Auge der Betrachtenden, und genau darin liegt die Freude des Entdeckens.

Vom Hochmoor geblieben ist über die Zeit ein wertvolles Biotop mit seinem immer noch mystischen Geraune.

Hinweis: Zurzeit hängen sechs meiner großformatigen Gemälde im Treppenhaus des Verwaltungsgebäudes der Stadt Kirchhain, Am Markt 6/8.

Diese Ausstellung ist während der Öffnungszeiten der Verwaltung frei zugänglich.

 

 

(Klaus Straßheim)

(Kirchhain Aktiv 03.2026)