Der Autor, der nicht vorlesen konnte

In unserem Künstlerkreis gab es einmal einen jungen Mann, der leidenschaftlich Geschichten schrieb. Gute Geschichten. Doch eines fehlte ihm: der Mut, sie selbst vor Publikum vorzutragen. Die Vorstellung, vor anderen zu lesen, machte ihm regelrecht Angst.

Aber Hans – so heißt unser Schriftsteller – ist Techniker. Und Techniker finden Lösungen.

 

🎭 Die Puppe als Stimme

Hans baute eine Puppe, die ihm glich: graue Hose, grauer Hoodie, graue Schirmmütze. In ihr versteckte er ein Tonbandgerät. Zuhause sprach er seine Geschichten auf Band – und das klang richtig gut. Superspannend sogar.

Zu Lesungen erschien Hans im Outfit der Puppe, stellte sie ans Rednerpult, drückte auf „Play“ – und die Geschichte begann. So konnte er dabei sein, ohne selbst sprechen zu müssen.

Das ist lange her.

Heute ist die Puppe deutlich schlanker als Hans.

 

🤖 Upgrade: Vom Tonband zur KI

Zur letzten Lesung brachte Hans „eine kleine Verbesserung“ mit: einen Roboter aus China, in den er einen Mini-PC eingebaut hatte. Darauf lief eine lokale KI, die seine Stimme perfekt imitieren konnte. Hans musste nur noch den Text eingeben – den Rest übernahm die Maschine.

Wir waren verblüfft. Die Stimme klang fast echt. Nur minimale Wortdehnungen und seltsame Endungen verrieten, dass kein Mensch sprach.

Der Roboter konnte sich auch bewegen und er konnte ein wenig Mimik, aber das war eher lustig und sah ziemlich hilflos aus.

 

📖 Die Lesung, die uns umhaute

Hans kündigte eine neue Geschichte an – eine, die uns „wirklich umhauen“ würde. Erwartungsvoll versammelten wir uns. Er brachte seine alte Puppe mit, setzte sie ans Pult. Er dimmte das Licht ein wenig, um die Stimmung für die Geschichte vorzubereiten, so sagte er.

Dann schaltete er das Tonbandgerät ein.

Die Puppe sagte: „Heute will ich selbst vorlesen.“

Stille.

Gänsehaut.

Wir verstanden, Hans hatte seine Angst überwunden!

Er las selbst.

Und wie!

Seine Geschichte ließ uns lachen, weinen, staunen.

Es war die großartigste Lesung, die wir je erlebt hatten.

 

🧠 Doch dann kam Hans – nochmal

Plötzlich betrat Hans den Raum und machte das Licht an. Wir waren verwirrt. Wenn das Hans war – wer hatte gerade vorgelesen?

Mit zitternder Stimme erklärte er, dass er vor einer Woche ein System-Upgrade für seinen Roboter und die KI erhalten hatte. Die Zusammenarbeit war so gut, dass ihn das erste Gespräch mit der KI selbst gegruselt hatte. Für einen Moment hatte er sogar sein eigenes Körpergefühl verloren.

Ein Roboter hatte uns einen Hans vorgespielt – einen, der besser war als das Original.

 

🗣️ Diskussion mit Roboter-Hans

Sofort begann eine rege Diskussion darüber, was das für uns Menschen bedeuten würde.

Roboter-Hans beteiligte sich auch am Gespräch.

Georg fragte Roboter-Hans "Du hast doch sicher auch Zugriff auf das Internet. Kannst du mir sagen, was das Internet über mich weiß?" 

So ein Roboter macht, wenn er kann, genau das was von ihm verlangt wird.

"Du wurdest am 24.6.1957 in Hertingshausen bei Wohra geboren. Das ist ein ruhiger Ort am Ende einer Sackgasse. Mit sieben wurdest du in der dortigen Zwergschule eingeschult, weil das Schulamt dich mit sechs noch nicht für schulreif hielt. Du hast oft den Unterricht gestört, warst aber ein guter Schüler. Dann gibt es eine größere Lücke bis du in der Mittelpunktschule Halsdorf erwähnt wirst. Wieder hattest du einen guten Notenschnitt, wurdest aber weiterhin als unzuverlässig geführt. Deine erste Straftat hast du mit elf begangen, da hast du einen Hochsitz angesägt. Aus den folgenden Jahren gibt es diverse Nacktfotos, die dein Pfarrer von dir gemacht hat..." "Stop!!!" rief Georg, der ganz rot im Gesicht geworden war.

 

⚠️ Die Geister, die wir rufen …

Schon Goethe wusste: „Die Geister, die ich rief, werd’ ich nun nicht los.“

Genau das wird uns mit KI passieren.

Wir werden lernen müssen, gläsern zu sein.

Und wir werden lernen müssen, überflüssig zu sein.

 

Oder wir verschwinden – ins ewige Vergessen.

 

Eine Geschichte von Jürgen Reißig